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Haben Sie noch das richtige Geschichtsbild?

Der in Cambridge lehrende australische Historiker Christopher Clark hat mit “Die Schlafwandler” ein bemerkenswertes Buch über den 1. Weltkrieg geschrieben. Ich möchte diesbezüglich die folgende Passage des Artikels “Der Weg in die Urkatastrophe – Der Blick auf den ersten Weltkrieg ändert sich” von Stephan Löwenstein, erschienen in der heutigen (09.10.2013) FAZ, hier in diesem Blog vorstellen:

” Heute  nehme man Dinge anders wahr als vor dreißig oder vierzig Jahren, sagte Clark. Er illustrierte das am Beispiel der “Selbstmordattentäter” von Sarajevo, die mit Zyankalikapseln und einem ausgeprägten Todeskult ausgestattet waren: In den achtziger Jahren waren sie noch als eine Ausgeburt einer fernen Zeit erschienen; heute sieht man sie aber mit Blick auf das Datum des 11. Septembers 2001. Ferner führten die Balkan-Kriege der neunziger Jahre, so Clark, die Spannungen auf dem Balkan wieder vor Augen.”

Ich habe seit jeher den Eindruck, dass es sich bei den Balkan-Slawen um eher nervöse Zeitgenossen handelt. Dies ist jedoch lediglich meine persönliche Einschätzung. Was Clark aber mit seinem analogen Vergleich des Sarajevo-Attentats mit den 9/11-Anschlägen meinte ist, dass die damaligen Selbstmordattentäter Terroristen waren. Und wie man Terroristen behandelt demonstrieren die Amerikaner seit über 10 Jahren eindrucksvoll. Ergo reagierte Deutschland damals konsequent und richtig. Zumindest wenn man auch die Reaktion der Amerikaner für richtig hält.

“Für fruchtlos hält Clark dagegen die Schuldfrage. Wer mit diesem Erklärungsziel an die Sache herangehe, der habe Prämissen eingebaut, die auf das Ergebnis hinführten. Clark wendet sich gegen die These von einer deutschen Alleinschuld. Sie sei im Vertrag von Versailles durch die Siegermächte festgehalten, und seit den sechziger Jahren habe sie mit Blick auf Deutschlands angeblichen “Griff nach der Weltmacht” auch in der deutschen Historiographie vorgeherrscht.”

Wirklich bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist die Aussage des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der Versailler Vertrag mit seinen knallharten Bedingungen sei Schuld am 2. Weltkrieg gewesen. Bemerkenswert deshalb, weil bekanntlich die Sowjet-Bolschewisten mit ihren weit über 20 Millionen Toten die quantitative Hauptlast des 2. Weltkriegs trugen.

Mit dem Mythos die Amerikaner hätten den 2. Weltkrieg gewonnen, naturgemäß insb. in den USA weit verbreitet, räumt derzeit auch Star-Regisseur Oliver Stone in seiner 10-teiligen Doku-Serie “The Untold History of the United States” auf. Die Amerikaner griffen erst ein, als der Krieg praktisch schon entschieden war. Man denke nur an die wohl entscheidende Schlacht in Stalingrad Anfang 1943. Der D-Day datiert im Vergleich dazu auf den 6.06.1944, also ca. eineinhalb Jahre später.

Ein weiterer Mythos, der sich hartnäckig hält ist derjenige von der Tapferkeit der französischen Résistance während dem 2. Weltkrieg. In einem, im Zusammenhang mit den pompösen Feierlichkeiten, die in Frankreich nächstes Jahr im gesamten Land anlässlich des 100-jährigen Jubiläums stattfinden (warum man den Kriegsbeginn und nicht das Kriegsende feiert ist mir schleierhaft), stehenden, Zeitungsartikel hieß hierzu nur, dass dieser Mythos selbst in Frankreich mittlerweile bröckelt, angesichts der unzähligen Kollaborateure, die es damals gab. Auch was das Zugestehen einer Mitschuld am Holocaust anbelangt, ist man in Frankreich, so desillusionierend dies für die Franzosen auch sein mag, schon recht weit.

Ich gehe davon aus, dass sich über kurz oder lang die Auffassung durchsetzen wird, dass der Holocaust, der effektivste Massenmord in der Geschichte der Menschheit, ein gesamteuropäisches (Un-)Werk war, an dem sich alle anderen Völker, insb. auch die Polen, beteiligten. Aber gerade in Polen, wo jeder zweite Jude seinerzeit lebte, tut man sich noch schwer mit diesem dunklen Kapital, wie man an den teilweise emotionalen Reaktionen zu dem Film “Unsere Mütter, Unsere Väter” sieht. Zu gerne feiert man die eigenen Helden, die es gerade in Polen unbestritten zuhauf gab. Ich denke hier an die Liste der Gerechten unter den Völkern in Yad Vashem, in der Polen am häufigsten aufgezählt sind.

Meine Ausführungen ändern selbstverständlich nichts an der Hauptverantwortung der damaligen Deutschen für die Ereignisse im 2. Weltkrieg. Hauptverantwortung bedeutet aber nicht, dass andere keine Teilverantwortung tragen können. Im Gegenteil. Genau das wollte ich in diesem Artikel aufzeigen. Wichtig ist zudem, dass auch in Deutschland ein genaues Bild der historischen Fakten vermittelt wird. Effekt dieser Tatsachen-Vermittlung wird dann anschließend der Abbau der Mythen sein. Es ist für mich eindeutig, dass in den hauptsächlich von mir skizzierten Mythen von den tapferen Franzosen und Amerikanern eine Grundlage für die Wertschätzung dieser beiden Völker liegt. Mag der Effekt auch begrüßenswert sein, historische Fakten sprechen hier eine andere Sprache.

Ganz anders stellt sich die Lage gegenüber Russland und Polen dar. Vorurteile dominieren immer noch das Bild der östlichen Nachbarn. Meine Erklärung für diesen Umstand liegt im Kommunismus respektive dem Eisernen Vorhang, der bekanntlich fast ein halbes Jahrhundert lang diesen Kontinent spaltete, folglich auch den kulturellen Austausch verhinderte und damit der Geschichtsfälschung Vorschub leistete. So gab es Jahrzehnte lang keine Chance, anti-polnischen und anti-russischen Vorurteilen durch Gespräche, Diskussionen, Veranstaltungen und dergleichen mehr zu begegnen und sie abzubauen. Nun gestaltet sich dieser Weg mühsam.

P.S.: In diesem Blog soll es vordergründig unter Anderem um aktuelle Ereignisse und ihre internationalen Auswirkungen gehen. Geschichtliche Ausführungen sollen Ausnahmen bleiben, sind jedoch meines Erachtens unerlässlich um gewisse Entwicklungen verstehen zu können.

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