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Die letzten Tage Europas

Henryk M. Broder hat wieder ein Buch geschrieben. Es trägt den Titel „Die letzten Tage Europas – Wie wir eine gute Idee versenken“.

Ich habe das Buch gelesen und muss konstatieren: Es ist grottenschlecht, handwerklich miserabel zusammengeschustert, versehen mit Halbwahrheiten, populistisch, rassistisch und geschichtsverdrehend.

Der Hauptvorwurf, den ich Broder mache ist derjenige, die Europäische Union mit der Sowjetunion zu vergleichen. Das ist ungeheuerlich. Die Sowjetunion war eine ca. 90 Jahre währende Diktatur kommunistisch-stalinistischer Prägung, die sich für Millionen Tote verantwortlich zeichnet. Es gab Gulags, also Arbeits-und Straflager, in denen unter Anderen politische Gegner mundtot gemacht wurden. Es gab Verfolgungen, Exekutionen, ethnische Säuberungen usw. usw.

Dieses Unrechtssystem vergleicht Broder nunmehr mit einer politischen Institution, die maßgeblich zu einem Zusammenwachsen der europäischen Völker beigetragen hat. Ausgerechnet Broder! Der Deutsche mit den polnisch-jüdischen Wurzeln müsste es eigentlich besser wissen. Sein Vergleich ist genauso absurd wie der Vergleich der EU mit der NS-Diktatur und steht diesem an Unsäglichkeit in nichts nach. Dabei müsste er es besser wissen. Ich behaupte sogar, dass er es besser weiß und seine Popularität lediglich dazu ausnutzt, Geld mit dem Verkauf des Buches zu machen. Damit stellt er sich auf eine Stufe mit Thilo Sarrazin.

Das Unappetitliche bei Broder ist: Seit Jahrzehnten schwingt er bei jeder Gelegenheit die Antisemitismuskeule, die bei ihm die Größe eines Mammutbaums hat, als gäbe es kein Morgen mehr. Aktuelles Beispiel ist der Streit mit Jakob Augstein, dem Verlegersohn, Anfang des Jahres. Der selbsternannte Hardcore-Zionist bestraft Kritik an Israel und Juden im Allgemeinen mit erbarmungsloser Härte. Sätze wie XY sei nur “dank der Gnade der späten Geburt um die Gelegenheit gekommen, im Reichssicherheitshauptamt Karriere zu machen” sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen.

Und genau dieser Typ vergleicht nun die EU mit der Sowjetunion, in der Millionen unschuldige Menschen zu Tode kamen. Damit zeigt er null Respekt gegenüber den Opfern der Sowjet-Diktatur. Respekt den er seiner eigenen Familiengeschichte wegen jedoch für sich einfordert. Das ist dreist und verlogen. Es ist abgebrüht. Es ist eine Verhöhnung der SU-Opfer. – All Animals are equal, but some animals are more equal than others. – Jüdische NS-Diktatur-Opfer können nicht mit SU-Diktatur-Opfern gleichgesetzt werden. Das ist als vergleiche man Äpfel mit Birnen.

Broder, der bekennende Atheist, übersieht all diese historischen Fakten. Das ist unverantwortlich. Seine raue Tonart ist jedoch nichts Neues. Immer wieder kritisiert er auch den Islam. Das ist erstmal nichts Verwerfliches. Jedoch schaffte es der berühmte Scharfmacher dadurch die Aufmerksamkeit der Rechtsextremen auf sich zu ziehen. So wird er in dem 1.500 seitigen Manifest des Norwegers Anders Behring Breivik zitiert. Broder hält all dies nicht auf. Er schießt weiter. Das jedoch ist konsequent, das muss man ihm lassen.

Handwerklich schlecht ist das Buch, weil man stellenweise den Eindruck hat, Broder habe einfach aus Wikipedia abgeschrieben. Oder von den offiziellen EU-Seiten. Hier und da schiebt er ein lateinisches Zitat ein. Und das war es schon. Politische und ökonomische Theorien? Fehlanzeige!

Broder arbeitet mit polemischen Behauptungen. Den katholischen Süden Europas stempelt er als faul ab, wenn er sinngemäß schreibt, dass deren Unterlegenheit gegenüber dem Arbeitsethos der Protestanten nicht geleugnet werden kann.

Nach dem 9. Kapitel habe ich das Buch zur Seite gelegt. Wie der Zyniker Broder sich zu einem politischen Meinungsmacher hochmogeln konnte ist mir unbegreiflich.

2 Antworten to “Die letzten Tage Europas”

  1. Felix sagt:

    Über Broders Thesen kann man sicherlich streiten. Warum er zu den viel gelesenen Publizisten gehört? Weil seine Formulierungskunst, sein Sprachwitz, seine Fähigkeit zuzuspitzen von kaum jemand in der Medienszene übertroffen wird.
    Noch schärfer und gemeiner, mithin, wenn man so will, noch besser in dieser Hinsicht ist m.E. nur noch Akif Pirincci:

    http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/search/results/aaaea5e7bcb4f6214f1a00f006f630ee/

    Er ist türkischer Abstammung und gnadenloser Islamkritiker, eine seltene, aber erfrischende Kombination.

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